Prof. Dr. Charlotte Remé

«Der Zeitgeist möchte uns vermitteln, dass alles machbar sei. Mir scheint jedoch, dass man auch den Verzicht lernen muss.»

Charlotte Remé, emeritierte Professorin für experimentelle Ophthalmologie mit besonderer Berücksichtigung der Netzhaut wuchs als Hamburger «Deern» auf. Der nördliche Dialekt, der sprichwörtlich über den spitzen Stein stolpert, ist heute ganz abgeschliffen, sie spricht ein klares Hochdeutsch mit einer weichen, tragenden Stimme. Das passt zu der grossen, schlanken Frau, sie wirkt gelassen und ruhig.

Der Sonne Respekt erweisen

Remé hat das Labor für Zellbiologie der Netzhaut an der Augenklinik des Universitätsspitals Zürich aufgebaut. Einer breiten Öffentlichkeit wurde sie bekannt, als sie vor Augenschädigungen durch Sonnenlicht, auch beim Tragen unzureichend schützender Sonnenbrillen, warnte. «In den Medien wurde ich zur Sonnenbrillentante» sagt sie lachend. Zusammen mit der SUVA entwickelte sie Standards für den UV-Schutz von Sonnenbrillen. Ihr Appell: Das schädliche UV-Licht sollte blockiert und das blau-violette, kurzwellige Licht reduziert werden. Das hatte einen guten Grund, denn die Lichteinstrahlung kann bei einigen Formen der erblichen Netzhautdegeneration den Verlauf beschleunigen. Jeweils nach Person und Situation kann das die altersabhängige Makuladegeneration fördern. Damals trugen viele Menschen unzureichende Sonnenbrillen, ohne zu wissen, dass sie dadurch langfristig ihre Netzhaut mit den Sehzellen gefährden könnten.

Cognac in der Küche

Charlotte Remés Mutter war Kunsthistorikerin, der Vater Chirurg. Sie selbst bezeichnet sich als Zwitter, was die Kunst und die Medizin angeht. Zwei Seelen wohnen in ihrer Brust.  Doch nach zwei Semestern Germanistik und Philosophie entschied Charlotte Remé sich, Medizin zu studieren. Ihr Vater nahm sie daraufhin mit auf Visite zu den so genannten septischen und den Tumor-Patientinnen und -Patienten, die damals separat in einem Pavillon untergebracht waren. Er zweifelte wohl daran, dass sie diese schweren Krankheitsbilder aushalten würde. Als sie nach der Visite nach Hause ging, traf sie ihre Mutter in der Küche beim Kochen an. Charlotte Remé setzte sich erschöpft auf den Küchenstuhl und ihre Mutter reichte ihr wortlos einen Cognac.

Auszug aus dem Porträt von Marita Fuchs, Kommunikation UZH