Prof. Dr. Christine Hirszowicz

«Ich habe mich in meiner Hartnäckigkeit, moralische Themen immer wieder anzusprechen, bestätigt gefühlt und mich über den Preis sehr gefreut».

Christine Hirszowicz machte Karriere als Professorin für Economics and Banking an der Universität Zürich und war gleichzeitig zehn Jahre Direktorin der Swiss Banking School und damit verantwortlich für die Ausbildung junger Bankiers. Sie plädierte stets für Verantwortung und moralisches Handeln im Bankenwesen. Die Finanzkrise führt sie darauf zurück, dass einige Banker den moralischen Kompass verloren haben.

Zürcher Paradies

Mit elf Jahren kam die junge Christine zum ersten Mal in die Schweiz in die Ferien zu ihrer Tante und ihrem Onkel, beide Psychologen. Nach dem kriegsgebeutelten Frankreich erschien ihr die Schweiz – speziell Zürich – wie das Paradies. Als sie dreizehn Jahre alt war, starb der Ehemann der Tante, die jetzt allein das Haus in Zürich Fluntern bewohnte und eine psychologische Praxis führte. Christine wollte ihrer Tante beistehen und entschied sich, für immer in die Schweiz zu ziehen. Das war der Beginn einer sehr intensiven Beziehung. Ihre Tante wurde zur zweiten Mutter; der Kontakt nach Frankreich blieb immer sehr eng. «Wir sind eine starke Frauengemeinschaft in unserer Familie», sagt Hirszowicz.

Eine ganz besondere Doktormutter

Ihre Erfahrung gab sie an ihre Doktorierenden weiter. So zum Beispiel bei einem Kandidaten aus einem südosteuropäischen Land. Er war ihr durch gute Referate in Seminaren aufgefallen, schien begabt und schrieb an seiner Dissertation. Nach mehreren Jahren ohne sichtbare Ergebnisse zog Christine Hirszowicz die Bremse. Sie sagte zu ihm: «Wenn Sie mir bis Ende dieses Jahres nicht Ihre Dissertation abliefern, müssen Sie sich einen anderen Professor suchen.»
«Dann nehme ich mir das Leben», war die Reaktion. Ihre Antwort: «Gut, dann machen wir gleich das Programm: Sie liefern mir jeden Monat ein Kapitel. Im neunten Monat liegt Ihr letztes Kapitel auf meinem Schreibtisch.» Pünktlich am 29. jeden Monats traf ein Kapitel ein. Die Arbeit war gut und die mündliche Prüfung mit drei Professoren sogar sehr gut. Nach seiner Promotion im Mai fand sie am Muttertag vor ihrer Haustür einen prächtigen Blumenstrauss mit einem Kärtchen, auf dem stand: «Für eine ganz besondere Doktormutter!» Hirszowicz erinnert sich daran noch, als sei es gestern gewesen: «Ich war zu Tränen gerührt».

Auszug aus dem Porträt von Marita Fuchs, Kommunikation UZH

Legende: Christine Hirszowicz bei der Verleihung des Women's Finance Award 2010 in Luzern,
rechts neben ihr: Sabine Kilgus, Privatdozentin an der UZH und Verwaltungsrätin der Eidgenössischen Finanzmarktaufsicht FINMA.